Überlegungen zur Geschichte der Westfassade des Bremer Doms

(1) Alter der Westportale
des Bremer Doms

Das stadtbremische Siegel von 1230:

    

Das damals neue Rosenfenster ist geradezu liebevoll gezeigt. Im Gegensatz zu den nächstjüngeren Abbildungen ist korrekt dargestellt, dass es sich in einem Vollgeschoss unterhalb des Giebeldreiecks befindet.
Anders als in der heutigen Realität gibt es keine Portale in den Erdgeschossen der Türme, sondern drei Tore zwischen den Türmen.
Erstellt wurde der Stempel des Siegels vor der Aufstockung des Nordturms unter dem Dombaumeister (von der Funktion her eher Dombauherren) Doneldey und vor möglichen anderen Turmerhöhungen, die in keiner Chronik notiert wurden.
Daher lässt sich nicht sagen, ob hinsichtlich der Türme 1230 eine Symmetrie oder eine Asymmetrie bestand.

Da der Dom teilweise sehr genau dargestellt ist, stellt sich die Frage,
ob man bei der Lage der Portale bewusst von der Realität abgewichen ist,
oder ob die Portalzone um 1230, also während der frügotischen Einwölbung des Doms und des gleichzeitigen frühgotischen Umbaus der Liebfrauenkirche,
ganz anders aussah, als wir sie seit 1532 kennen.


Zwei Abbildungen des Doms im Ihlienworther Altar im Land Hadeln:

Der Altar wird stilistisch auf das 15. Jahrhundert geschätzt. Irgendeine belegte Jahreszahl gibt es nicht.
Also kann man sagen, zwischen 1400 und dem Beginn der Reformation in Hadeln.
Die erste reformatorische Predigt in Otterndorf wurde 1521 gehalten.



Mittelteil des Ihlienworther Altars


Rechter Flügel des Ihlienworther Altars

Die Abbildung rechts oben ist die erste, die die Verteilung von Eingängen und Fenstern im Erdgeschoss der Westfassade so zeigt, wie sie im Grunde genommen auch heute noch ist.
Für die Abbildung im rechten Feld des Mittelteils könnte es, abgesehen von freier Erfindung, mehrere Erklärungen geben:
Der Künstler hat die heutige Gestaltung des Portalgeschosses gesehen, aber gesagt bekommen,
dass es vorher drei Eingänge gab, davon einen genau in der Mitte.
Der Künstler hat den Dom schon einmal während des Umbaus gesehen,
als es schon Portale unter den Türmen gab, aber noch ein Portal in der Mitte.
Über die Mauerabschlüsse des Bremer Doms sieht man:
Die Asymmetrie der Türme wird im mitteleren Altarteil völlig geleugnet: Beide Türme sind mit dem schöneren Mauerabschluss des Südturms und mit dem schönen hohen Turmhelm des Nordturms dargestellt. In dem Eckrelief haben beide Türme den waagerechten Mauerabschluss des Nordturms. Hier ist statt der Turmhelme das Mauerwerk unterschiedlich hoch dargestellt.

Stifterrelief im Dom:
(Darstellung des Bremer Doms im Bremer Dom)
Das Stifterrelief wurde zusammen mit der Umgestaltung des Westchors zur Orgelempore erstellt, bei der auch die Westkrypta um ein Joch nach Westen verlagert wurde.
Gegebenenfalls war das auch gleichzeitig mit einer Umgestaltung des Portalgeschosses.



Stifterrelief von 1512 an der Brüstung der Orgelempore

Obwohl die Darstellung wesentlich versierter wirkt als die in Ihlenworth, ist auch hier das Rosenfenster nicht in einem eigenen Geschoss dargestellt, und damit auch zu klein.

Hier haben beide Türme eine waagerechten Mauerabschluss. Obwohl es weder in einer Urkunde noch in einer Chronik einen Bericht gibt, dass der Südturm in seiner hohen Form einmal ein spitzes Dach gehabt habe, oder dass ein solches verloren sein soll, ist dies die erste Abbildung mit nicht spitzem Dach des Südturms.

In den Türmen gibt es keine Tore. Die Gruppe von drei Portalen zwischen den Türmen wirkt ornamental verfremdet. Erstaunlicherweise ist – im Tympanon des übergroßen Mittelbogens – das kleine Mittelfenster dargestellt, das sich real – lange Zeit durch eine Wandskulptur kaschiert – zwischen den Bögen der beiden Blendarkaden befand und auch heute befindet. Falls die Eingangspartie erst um 1500 ihre heutige Aufteilung bekam, ist nachvollziehbar, dass man sich bei dem Stifterrelief am Zustand vor dem Umbau orientierte.


Das Gemälde im Rathaus und jüngere Abbildungen

Das Fresco von De Bruyn ist die erste leidlich exakte Abbildung des Doms. Allerdings ist der Bereich unterhalb der Stürze der Eingangstüren auf das Doppelte überhöht, und der Giebel des Mittelschiffs ist zu breit, die Türme zu schmal dargestellt.

Beim Vergleich mit der Zeichnung von Dahlberg und Fotografien fällt auf, dass ein Geschoss des Nordturms weggelassen wurde. Im Südturm ist das fehlende Geschoss (mit zwei paarigen Blendarkaden und dazwischen einem kleinen Fenster) erhalten. Dafür fehlt dort das Geschoss darüber, im Nordturm mit mehreren schmalen Blendarkaden. Da in den Stadtansichten von Weigel und von Dilich das Mauerwerk beider Türme abgesehen von den im Nordturm fehlenden Giebeln gleich hoch ist, lässt sich vermuten, dass diese beiden jeweils nur in einem Turm dargestellten Geschosse in Wirklichkeit in beiden vorhanden waren.

So groß die das Wappen haltenden Löwen in dem Gemälde auch sind, lassen sie doch genug Sicht auf die Wand, um deren Gestaltung zu erkennen.



Westansicht zw. 1883/84 und 1887/88


Zeichnung von Dahlberg 1695


Ausschnitt aus De Bruyns Fresco im Rathaus 1532

So ergibt sich die Möglichkeit, im Gemälde die Löwen zu retuschieren, den Nordturm zu vervollständigen, den Südturm mit gleicher Geschosszahl darzustellen und das ganze auf die Proportionen zu bringen, die für bis 1887 erhaltenen Teile dokumentiert sind.



Angleichung der Darstellungsgrößen, Begradigung der Dahlberg-Zeichnung von 1695
und Versuch der Rekonstruktion der Fassade von 1532


Anbei eine Bemerkung zu den Skulpturen zwischen und neben den Bögen des Eingangsgeschosses:
Bei De Bruyn hängt auch rechts außen eine Figur. Die Figurenposition links außen wird vom Umhang Karls des Großen verdeckt.
Bei Dahlberg gibt es in beiden Außenpositionen keine Figur.
Die rechte kann leicht beim Einsturz des Südturms verloren gegangen sein.
Der Umhang Karls des Großen kann kaschiert haben, dass links schon 1532 die äußere Skulptur fehlte. Sie kann beim Turmbrand von 1483 verloren gegangen sein. Die fünfte Figur kann aber auch gefehlt haben, weil bei einer vorherigen ungeradzahligen Achsenzahl der Portalzone nur eine gerade Anzahl (hier vier) von Fassadenfiguren gebraucht worden war.



Unterer Teil der Westfassade um 1887(Bremer Domportale vor der Erneuerung)

Die steinernen Umrahmungen der Türen mit ihren Konsolenstürzen und Maßwerk-Oberlichtern tragen spätgotische Züge.

Das Brautportal, an seinen heutigen Ort erst mit der spätgotischen Erweiterung des nördlichen Seitenschiffs gelangt, hatte vor seiner neo-spätgotischen Umgestaltung durch Salzmann ebenfalls ein romanisches Gewände und eine spätgotische Türumrahmung samt Maßwerkoberlicht.

Spätgitisch zu nennen ist doch wohl auch die Gestaltung der Fenster,
die 1532 in den Blendarkaden zwischen den Westportalen dargestellt sind,
im 19. Jahrhundert dann aber schlichten Türen zu der damals als Lagerraum genutzten Westkrypta gewichen waren.


Foto der Nordseite des Doms vor 1888(Bremer Dom schon ohne angebaute Gottesbuden)

Um 1500 etwas umgestaltet worden ist die Eingangspartie also auf jeden Fall.
Dass aber auch die Erdgeschosselemente von romanischer Gestalt erst in spätgotischer Zeit geschaffen wurden
und gleichsam die ersten neoromanischen Teile des Doms sind
(annähernd 300 Jahre vor dem in den Proportionen (neo-) romanischen,
im Detail aber eher im Übergangsstil gestalteten Vierungsturm),
ist zunächst einmal eine mutige Annahme.
Die Option einer spätgotischen Neoromanik würde ein Problem der bisherigen Vorstellungen über die Baugeschichte lösen,
nämlich Gleichzeitigkeit einer (zunachst) rein romanischen Gestaltung der Portalzone des Doms
und frühgotischer Umbauten im Inneren von Dom und Liebfrauenkirche.
(Interessant als Parallelfall zum Bremer Dom:)
Einer anderen Kathedrale in Deutschland wurden ohne jeden Zweifel zu Zeiten der Spätgotik
neoromanische Bauteile angefügt, dem Augsburger Dom.
Dort erhöhte man Südturm 1489 um ein „romanisches“ Vollgeschoss, gestaltete die Giebeldreiecke darüber aber gotsch.
Und der Nordturm erhielt 1556/60 sowohl ein zusätzliches Vollgeschoss als auch Giebeldreiecke in romanischem Stil.



Südturm des Augsburger Doms

Nordturm des Augsburger Doms

Ein Problem dreier Portale zwischen den Türmen ist, dass damit die Westkrypta als Eingangshalle gedient haben müsste.
Allerdings zeigt die Krypta der Klosterkirche Jerichow,
dass entgegen der ursprünglichen Wortbedeutung („die verborgene“)
durchaus nicht jede Krypta ein abgeschiedener Raum war.


Jerichow, Krypta nach Westen

Jerichow, Krypta nach Osten

Die Krypta in Jerichow ist mit beiden Seitenschiffen in deren ganzer Breite durch Treppen verbunden und dadurch ein Durchgangsraum.


Möglicher Grundriss zu den frühen Darstellungen des Doms

(2) Turmkatastrophen
des Bremer Doms
Beim Einsturz des Südturms 1638 gehörte der Dom bekanntlich dem Erzbistum. Dieses „andere“ Bremen bot dem Rat durchaus Beeinflussungsmöglichkeiten. Wegen des (Dreißigjährigen) Krieges gab es wichtigeres als einen Wiederaufbau des Südturms, aber noch konnte er als nur aufgeschoben betrachtet werden.
Zu den Aufräumarbeiten gibt es keinerlei zeitgenössische Berichte, aber die Darstellung in der Stadtansicht Matthäus' Merians d. Ä. lässt sich als Hinweis auf sorgfältige Sicherungsarbeiten sehen.



Merian zw. 1638 u. 1647: Stumpf des Nordturms mit Pultdach und provisorischer Verschalung

Durch das Linzer Diplom vom 1. Juni 1646 wurde die Trennung von Stadt und Erzbistum perfekt.
Durch den Westfälischen Frieden wurde aus dem Erzbistum ein Herzogtum unter der Hoheit des Königreiches Schweden, das leider das Linzer Diplom nicht anerkannte.
So kam es 1654 zum Ersten Bremisch-Schwedischen Krieg, der mit dem Ersten Stader Vergleich abgeschlossen wurde, ohne den Status der Stadt gegenüber Schweden zu klären.
Beim Einsturz des Nordturms gehörte der Dom also einer der Stadt gegenüber stärkeren und feindlichen Macht. Daher waren selbst lutherische Bürger der Stadt kaum bereit, für Reparaturen des Doms zu spenden.



Johann Nutzhorn ab 1656 aber vor 1661: Die Ostwand des Südturms überragt noch die Traufe des Mittelschiffs.
Allerdings ist von der Westwand des Turms nur noch so wenig erhalten wie auf späteren Abbildungen.
Die Südwand des Turms scheint schon länger gefehlt zu haben (Vegetation auf der Mauerecke).


Der Südturm war nun offensichtlich aufgegeben. Der Nordturm jedoch erhielt binnen fünf Jahren ein zwar schlichtes aber nicht flaches Dach, wie gleichermaßen auf der Stadtansicht Johann Landwehrs und Skizze und Huldigungsbild Dahlbergs zu erkennen.



Johann Landwehr 1661: Martinikirche, Rathaus und Dom



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