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Die „romanischen“ Westportale des Bremer Doms
– wahrscheinlich aus der Zeit der Spätgotik –


Die mit Abstand älteste bildliche Darstellung des Bremer St. Petri Doms findet sich im ersten Bremer Stadtsiegel, dessen Typar kurz vor 1230 geschnitten worden sein muss, denn erwähnt wird das Siegel schon in einer Urkunde von 1229.(1)
Das Typar selber wurde 1366 zerbrochen, aber Abdrücke sind erhalten, und aus diesen wurde inzwischen auch das ursprüngliche Typar rekonstruiert.
Das Siegelbild zeigt in der Art eines Stifterbildes Karl den Großen und den Gründungsbischof Willehad, die auf ihren Händen eine Modell des Domes tragen, dessen Westfassade präsentiert wird.

Auffällig daran ist die Lage der Portale, verglichen mit ihrer heutigen Position – je eines in beiden Türmen –, die auch schon im Ölgemälde Matthäus Bruyns von 1530 in der oberen Rathaushalle dargestellt ist, und seither vielfach.

Falls die Darstellung im Siegel zutrifft, verändert das die Baugeschichte gegenüber bisherigen Vorstellungen in einem entscheidenden Punkt.

Bremer Stadtsiegel, mögl. seit 1229

Westfassade des Bremer Doms
seit der Erneuerung von 1888–1901:
teils Replik, teils Neuschöpfung

 

Gliederung:

1. – Phasen der Baugeschichte ab dem 11. Jahrhundert
2. – Quellenlage zum Dom und materielle Befunde am Dom
3. – Erwartungen und Teilaspekte
4. – Abbildungen des Doms:
4.1. – Das stadtbremische Siegel von 1229
4.2. – Frühes 16. Jahrhundert:
4.2.1. – Gründerrelief im Dom
4.2.2. – Das Gemälde im Rathaus
4.3. – Stadtansichten vor dem Einsturz des Südturms
––Bilder vor und nach dem Einsturz des Südturms
4.4. – Darstellungen nach dem Einsturz des Südturms
4.4.1. – Turmruine im 17. Jahrhundert
4.4.2. – Zeichnungen und Fotos aus dem 19. Jahrhundert
5. – Die Westkrypta
5.1. – Lagebeziehung
5.2. – Bedeutung
5.3. – Vorbefund, Details, Auswertung
6. – Archäologische Grabung von Helen Rosenau
7. – Erdgeschosse der Bremer Domtürme
8. – Ergänzende Untersuchungen und Betrachtungen
8.1. – Datierung des Stadtsiegels
8.2. – Romanik in und nach der Zeit der Gotik
8.3. – Krypta als Durchgangsraum
8.4. – Datierung der Krypten
8.5. – Ruinendarstellungen in der Kunst
8.6. – (separate Seite: Kirchendarstellungen in mittelalterlichen Siegeln und Stifterbildern)
8.7. – (separate Seite: Brautportal und Maßwerke der Nordfassade des Bremer Doms)
8.8. – (separate Seite: Die Mittelschiffsgewölbe der Magdburger Liebfrauenkirche und des Bremer Doms)
9. – Fußnoten


(1.) Phasen der Baugeschichte ab dem 11. Jahrhundert:

Von dem Bau des 11. Jahrhunderts, dessen Grundriss 1042/1043 von Erzbischof Adalbrand = Bezelin festgelegt worden war, der aber im Wesentlichen von seinen Nachfolgern Adalbert (zur Datierung der Krypten s. u.) und Liemar († 1101, Bleiplatte: „Constructor huius ecclesiae“/„Erbauer dieser Kirche“) errichtet wurde, sind sind die Arkaden zu beiden Seiten des Mittelschiffs (ohne deren Dekor) erhalten, sowie der Grundriss von Chor und Querhaus, Teile des aufragenden Mauerwerks des Querhauses und große Teile der Krypten. Die Lagen von Nord- und Südwand des Langhauses sind anhand der Anschlussbögen der Seitenschiffe ans Querhaus zu erschließen. Zusätzlichen Anhalt gibt für die Südseite die Lage der Arkade zwischen Seitenschiff und Kapellenzeile. Auf der Nordseite wurde 5 m nördlich der Westkrypta archäologisch ein Grundmauerfragment gefunden, das, verglichen mit dem angenommenen Verlauf der Längswand um eine halbe Mauerdicke nach Süden versetzt ist. In der südlichen Stirnwand des wurde ein romanisches Portal wiederentdeckt. Trotz mehrerer quer angelegter Suchgräben stieß man im Verlauf der Nordwand auf keine weiteren Mauerfragemente, und – unter Zeitdruck – wurden auch keine Ausbruchsgruben detektiert.1
Zwar legt die Lage der Porta contra Forum (des Tores gegen den Markt), dessen Torweg im Bereich zwischen dem Alten Rathaus und dem Haus der Bürgerschaft ergraben wurde,2 die Erwartung nahe, der Dom habe zu diesem Tor hin Eingänge gehabt, aber vorausgesetzt werden darf dies nicht: Die Hildesheimer Michaeliskirche, errichtet Ende des 10. Jahrhunderts bis 1033, hat nach Westen nur einen Außeneingang zum Kryptenumgang; alle Portale des basilikalen Gottesdienstraums mit zwei Querhäusern liegen an den Längsseiten des Bauwerks.3

Zwischen diesem Bau und dem heutigen Zustand fanden drei große Umbauten statt, einer in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, der nächste Anfang des 16. Jahrhunderts und der letzte Ende des 19. Jahrhunderts:

Im 13. Jahrhundert wurden zunächst die Westtürme errichtet und der Westchor eingewölbt, dann die übrige Kirche eingewölbt und dabei die oberen Wandpartien des Chors und die Obergaden erneuert. Die Gewölbe über dem Westchor, ein Kreuzgratgewölbe und ein Gewölbe mit schweren Bandrippen, erscheinen altertümlicher als die übrigen Gewölbe. Bei denen kommen außer der anzunehmenden Abfolge (Seitenschiffe vor Mittelschiff) unterschiedliche Vorbilder zum Tragen: Die Gewölbe des Nordseitenschiffs orientieren sich an der westfälischen Adaptation der westfranzösischen Gotik (angevinische Gotik, style plantagenêt4), die sechsteiligen Gewölbe von Chor und Mittelschiff entsprechen den kurz zuvor (1220/1221) in der Magdeburger LiebfrauenkircheMagdeburger Liebfrauenkirche eingezogenen, unter Erzbischof Albrecht von Käfernburg, der in Paris studiert hatte und die sechsteiligen Gewölbe der frühen Gotik (gothique primitif) des französischen Kronlandes aus eigener Anschauung kannte. Diese sechsteiligen Gewölbe in Magdeburg sind trotz eines leichten Stichs den französischen Vorbildern ähnlicher, als die Mittelschiffsgewölbe der Kölner Kirche St. Aposteln 5 (mit plumpen rundbogigen Gurtbögen) und sind älter als deren Querhausgewölbe.
Georg Dehio setzte in seinem Band über Nordwestdeutschland die Einwölbung des Doms mit der Regierungszeit Gerhards II. gleich , ohne dies detailliert zu belegen.6). Auf frühere Annahmen eines späteren Bauabschlusses und später vorgebrachte Argumente zugunsten eines Bauabschlusses nicht nach Gerhards Tod braucht mit Blick auf die Westportale nicht eingegangen zu werden.

Ab 1502 wurden von Cord Poppelken das zwanzig Jahre vorher beschädigte Nordseitenschiff und die analog zur Südseite dort zu erwartende Kapellenzeile durch das heutige, Nordseitenschiff mit spätgotischem Netzgewölbe ersetzt, von gleicher Höhe und fast gleicher Breite wie das Mittelschiff. Zudem wurde die Westkrypta östlich um ein Joch verkürzt und der darüber gelegene Westchor zur Orgelempore umgebaut. Wegen der Zuwendung der Bremer Öffentlichkeit zur Reformation wurde dieser Umbau 1522 mit mehreren Provisorien beendet (s.u.). Die Orgel wurde ab 1528 installiert.

Der Einsturz des Südturms „aus heiterem Himmel“ am 27. Januar 1638 ist aus lokaler Perspektive einmalig und wird gerne damit in Verbindung gebracht, dass der Dom zu jener Zeit für öffentliche Gottesdienste geschlossen war. Aus überregionaler Sicht ist das Ereignis so einmalig nicht: Der Westturm der Marienkirche in Gardelegen stürzte 1658 während des Himmelfahrts-Gottesdienstes ein, wodurch 22 Menschen zu Tode kamen.7

Nach der Umwandlung des Erzbistums in ein Herzogtum unter zunächst schwedischer, dann hannöverscher Hoheit fanden unter schwierigen finanziellen Bedingungen kleinere Sanierungen am Dom statt, aber man leistete sich 1698 eine große und teure Orgel von Arp Schnitger.

Nach dem Übergang des Dombezirks aus hannöverscher in stadtbremische Hoheit 1803 wurden die Gottesbuden entfernt und umfangreiche Erneuerungen an der Nordfassade des Schiffs durchgeführt (siehe Exkurs)

Der dritte große Umbau war die Domerneuerung von 1888 bis 1901, geplant und bis 1897 geleited von Max Salzmann, nach dessen Tod zu Ende geführt von Ernst Ehrhardt.
Salzmann hatte bei seiner Bewerbung um den Auftrag Phantomzeichnungen früherer Bauphasen vorgelegt, obwohl er die dafür notwendigen Bauuntersuchungen erst im Rahmen der Erneuerung hätte durchführen können.


(2.) Quellenlage zum Dom und materielle Befunde am Dom:

Alle gemalten und gezeichneten Darstellungen samt Nachdrucken sind bekanntlich von Fähigkeiten, Sorgfalt und Interessen der Künstler (bzw. Dokumentatoren) beeinflusst. Höhere Belegkraft haben Fotografien, wiewohl sich auch hier Manipulationen nicht ausschließen lassen. Daher sind die gemalten und gezeichneten Darstellungen untereinander und mit Fotografien zu vergleichen, vorzugsweise vor der Domerneuerung erstellten Aufnahmen.

Das Stadtsiegel wurde in der Zeit des Übergangs von der ersten zur zweiten Phase des ersten großen Umbaus erstellt, als die Westfassade wohl gerade vorzeigbar war und für Langhaus, Chor und Querhaus eine längere Zeit als Großbaustelle zu erwarten war. Für das Stadtsiegel gibt es keine direkten Vergleichsbilder. Aus dem Buch Rheinische Städtesiegel und durch Internetrecherche wurde eine Sammlung geeigneter Siegel – nicht nur „genehmer“ sondern nicht minder warnender Beispiele – zusammengestellt, um einen Eindruck von der Aussagekraft von Gebäudedarstellungen in mittelalterlichen Siegeln zu gewinnen und zu vermitteln. Der Vergleich des Stadtsiegels mit materiellen Befunden am Bau bildet den Kern der hier vorgelegten Arbeit.

Das Gemälde Matthäus Bruyns lässt sich im Detail an Einzelheiten überprüfen, die mit allerhöchster Sicherheit von 1530 bis zum Beginn des fotografischen Zeitalters keine Veränderung erfahren haben. Der Wahrheitsgehalt einiger gröberer Aspekte lässt sich anhand von Stadtansichten erkennen, deren Wahrheitstreue dank größerer Anzahl auch untereinander ermittelt werden kann.

Heutige Untersuchungen am Gebäude sind stark durch die Folgen der Domerneuerung beeinträchtigt.
In deren Verlauf ergaben sich immense Möglichkeiten zur Bauforschung, aber sie wurden nicht vollständig genutzt. Max Salzmann, dessen Aufzeichnungen ich bisher bis einschließlich erster Bemerkungen über das Aufmauern des neuen Südturms gelesen habe, hat in diesem Abschnitt nur eine kurze Bemerkung über eine steinerne Rinne geschrieben. Das in Hoffmann … 19. Jh.8b auf Seite 79 abgebildete Foto vom Abriss des Südturms lässt erkennen, dass bei diesem Arbeitsgang eigentlich zahlreiche Baudetails zutage traten, die im Sinne historischer Bauforschung zu notieren gewesen wären.
Hoffmanns summarische Wiedergabe von Salzmanns im weiteren Gang seiner Arbeiten notierten Befunden gibt zusammen mit Hoffmanns darin enthaltenem Kommentar, mit dem Ergebnis der Erneuerung der Westfassade und mit dem nachfolgenden Abschnitt der Erneuerungsarbeiten Anhaltspunkte für die Prioritäten von Salzmanns Befunderhebung.
Hoffmann … 19. Jh.8c, S. 85, linke Spalte: "Als Verblendmaterial des aufgehenden Bruchsteinmauerwerks fand er Steine von der Porta Westfalika von Brüchen bei Minden, Sandstein vom Süntel, in kleineren Mengen auch vom Deister und von Rehburg. Am Mittelgiebel soll ein schlecht geschichteter Sandstein verwendet worden sein, dessen Herkunft unklar blieb. Obernkirchener Stein fand Salzmann erst an Bauteilen, die nach 1400 erbaut waren.

• In Salzmanns Ende April 1888 vorgelegtem Entwurf hatte die von ihm neu entworfene Zwerggalerie den unteren Rand des großen Rosenfensters geschnitten. Der Ersatz des gesamten oberen Teils der Fassade zwischen den Türmen erlaubte es ihm, die Replik etwas höher zu setzen, sodass nun die Westrose nicht mehr von der Zwerggalerie geschnitten wird.
• Nach Abschluss der Arbeiten an der Turmfront ersetzte Salzmann das Fundament der Nordfassade. Mit großer Vorsicht und großem Kosten- und Zeitaufwand unterfing er dabei einzeln ein Joch nach dem anderen. Der Ersatz des Fundamentes war wohlbegründet, denn zu Beginn der 1830er Jahre war im Gewölbe des Südseitenschiffs ein bedrohlicher Längsriss aufgetreten (''Hoffmann … 19. Jh., S. 25)''8a

Aus Ernst Ehrhardts Bautagebuch hat Hoffmann hingegen zahlreiche Befundeintragungen im Wortlaut und mit Skizzen wiedergegeben (S. 132–142).

(3.) Erwartungen und Teilaspekte:

Ergebnismöglichkeiten:
Vorab sei daran erinnert, welche Bedeutung einzelne Befunde bei der Überprüfung einer Hypothese haben können:
• Unvereinbarkeit
• Vereinbarkeit
• (möglicher) Hinweis
• Nachweis

Teilaspekte der Untersuchung:
• Eine Portalgruppe zwischen den Türmen war nur sinnvoll in Verbindung mit einer guten Verbindung ins Kirchenschiff. Also musste zunächst deren Möglichkeit abgeklärt werden.
• Als nächstes war nach Spuren der Portale selber zu suchen.
• Nach deren Nachweis stellt sich die Frage nach der früheren Gestalt der Turmerdgeschosse.
• Flankierend: Da die gleichsam chronikalische Datierung der von Salzmanns Replik nachgeahmten Westportale anhand des Vergleichs von Siegel ud Rathausgemälde der vordergründigen stilistischen Datierung anhand ihrer romanischen Formen widerspricht, war andernorts nach der Verwendung romanischer Formen in der letzten Phase des Mittelalters zu suchen.


(4.) Abbildungen des Doms:

(4.1.) Das stadtbremische Siegel von 1229:
    
 


Das Siegeltypar wurde wohl 1229 geschnitten. Das damals neue Rosenfenster ist geradezu liebevoll gezeigt. Im Gegensatz zu den nächstjüngeren Abbildungen ist korrekt dargestellt, dass es sich in einem Vollgeschoss, also unterhalb der Mittelschiffstraufen befindet.
Genauer betrachtet ist die Fläche darüber noch kein Giebeldreick, sondern das Mittelschiffsdach ist nach Westen abgewalmt.
Anders als in der heutigen Realität gibt es keine Portale in den Erdgeschossen der Türme, sondern drei Tore zwischen den Türmen.
Erstellt wurde der Stempel des Siegels lange vor der Aufstockung des Nordturms unter dem Dombaumeister (von der Funktion her eher Dombauherren) Doneldey und dem Erzbischof Burchard Grelle und vor möglichen anderen Turmerhöhungen, die in keiner Chronik notiert wurden.
Daher lässt sich nicht sagen, ob hinsichtlich der Türme 1230 eine Symmetrie oder eine Asymmetrie bestand.

Helen Rosenau äußerte schriftlich die Vermutung, die wohl von vielen Betrachtern des Siegels geteilt wurde und noch heute geteilt wird, eine Zweiturmfront mit drei Portalen zwischen den Türmen sei so etwas wie ein Kirchenlogo gewesen.9 Dann müssten aber andere Kirchen in dieser Weise dargestellt sein. In der Realität sind zwar die Westportale der Kathedrale von Chartres so angeordnet, aber üblicherweise liegt in Kirchenfassaden mit zwei Türmen und drei Portalen nur das mittlere zwischen den Türmen, jedes der beiden seitlichen unten in einem der Türmen.
Zur Frage der Abbildung typischer Einzelheiten oder aber Übernahme auswärtiger Schemata in mittelalterlichen Kirchendarstellungen siehe Kirchendarstellungen in mittelalterlichen Siegeln und Stifterbildern.

(4.2.)    1 6 .   u n d   f r ü h e s   1 7 .   J a h r h u n d e r t

Im frühen 16. Jahrhundert entstanden kurz nach einander zwei Abbildungen der Westfassade des Bremer Doms.
beide zeigen in Anlehnung an das Stadtsiegel den Dom zwischen Gründungsbischof Willehad und Karl dem Großen,
die Gestaltung der Fassade ist jedoch sehr unterschiedlich.

(4.2.1.) Gründerrelief im Dom:
(Darstellung des Bremer Doms im Bremer Dom)

Gründerrelief von 1512 an der Brüstung der Orgelempore

Beim Umbau des Westchors zur Orgelempore wurde deren Brüstung um 1512 als Reliefband gestaltet, darin in der Mitte ein Stifterrelief nach dem Vorbild des Stadtsiegels. Dieses Relief zeigt die Domfront mit drei Portalen zwischen den Türmen, allerdings etwas ornamental verfremdet. Trotz wesentlich größeren Formats und bildhauerischer Feinheit ist das Gründerrelief insgesamt ungenauer als das Stadtsiegel:
Das Rosenfenster ist realitätsfern im Giebeldreieck platziert und daher zu klein. Dementsprechend fehlt der Blendenschmuck des Giebels.
Die Galerie unterhalb des Rosenfensters, im Stadtsiegel nicht gezeigt, ist im Gründerrelief übergroß, aber nur zwischen den Türmen abgebildet.
Hier haben beide Türme einen waagerechten Mauerabschluss. Die Turme unterscheiden sich von einander in den Geschosshöhen und den Dachformen:
Der Nordturm hat eine hohe Spitze, der Südturm, in Stadtpanoramen und in Bruyns Gemälde mit einem Kreuzdach versehen, hat im Gründerrelief ein etwa 60° geneigtes Zeltdach.

In den Türmen gibt es keine Tore. Die Gruppe von drei Portalen zwischen den Türmen wirkt ornamental verfremdet. Erstaunlicherweise ist – im Tympanon des übergroßen Mittelbogens – das kleine Mittelfenster dargestellt, das sich real – lange Zeit durch eine Wandskulptur kaschiert – zwischen den Bögen der beiden Blendarkaden befand und auch heute befindet. Falls die Eingangspartie erst um 1500 ihre heutige Aufteilung bekam, ist nachvollziehbar, dass man sich bei dem Gründerrelief am Zustand vor dem Umbau orientierte.

(4.2.2.) Das Gemälde im Rathaus:

Das Fresco von Bartholomäus Bruyn ist die erste in vieler Hinsicht exakte Abbildung des Doms. Trotzdem leistete Bruyn sich ein paar künstlerische Freiheiten:
Bei den Portalen ist der Bereich unterhalb der Stürze der Eingangstüren auf das Doppelte überhöht, und der Giebel des Mittelschiffs ist zu breit, die Türme zu schmal dargestellt.

Beim Vergleich mit der Zeichnung von Dahlberg und Fotografien fällt auf,
dass Bruyn die real spitzen Kleeblattbögenen (genasten Spitzbögen) der Jungfrauengalerie rundbogig gemalt hat.
Die Geschosshöhen beider Türme unterscheiden sich bei Bruyn kaum, ebenso die Höhenlagen der Basen der beiden Dächer, des hohen spitzen Pyramidendachs auf dem Nordturm und des Kreuzdachs auf dem Südturm. Im Nordturm hat er das Geschoss mit dem sehr schmalen kleinen Fenster zwischen zwei Zwillingsblenden weggelassen. Ihm ähnelt das Geschoss, das er auf dessen Höhe im Südturm dargestellt hat. Kräftige Kapitelle lassen die Schallöffnung im Glockengeschoss von Bruyns Südturm als romanisches Vierfachfenster erscheinen. Bippen fand auch das fensterlose Geschoss darüber romanisch. Nur die mit einer Figur geschmückte Blendnische im Giebeldreieck des Kreuzdachs ist in Bruyns Südturm eindeutig spitzbogig.

Bilder vor und nach dem Einsturz des Südturms:

Ausschnitt aus M. Bruyns Fresco im Rathaus 1532

Ausschnitt aus Ta(b). XV der Dilich-Chronik 1603

Ausschnitt aus Georg Braun & Frans Hogenberg: „Brema“ in Civitates Orbis Terrarum 1572

Zeichnung von Erik Dahlberg 1695

Westansicht zw. 1883/84 und 1887/88
(4.3.) Stadtansichten bis zum Einsturz des Südturms:

Die Darstellung beider Türme in den in den folgenden hundert Jahren erstellten Stadtansichten ist zwar mehr oder weniger vereinfachend, aber doch beachtenswert:
Im Holzschnitt von Hanns Weigel, wie alle seine Werke entstanden zwischen 1549 und vor 1577, hat auch das Pyramidendach des Nordturms Giebeldreiecke.
Die Basen beider Turmdächer sind in annähernd gleicher Höhe platziert,
der Südturm in seiner Gesamthöhe durch ein sehr steiles Kreuzdach und eine hohe Wetterfahne dem Nordturm angenähert,
dessen Spitze zudem durch den oberen Bildrand abgeschnitten ist. Die Liebfrauenkirche hat bei Weigel nur einen einzigen Turm.
Der 1572 (oder 1577) herausgegebene 1. Band des Werkes Civitates Orbis Terrarum des Verlegers Georg Braun und des Kupferstechers Frans Hogenberg zeigt von Bremen ein Panorama mit Betrachterposition jenseits der Weser und einen Vogelschauplan.
Das Weserpanorama stimmt teilweise mit dem Holzschnitts von Hanns Weigel überein,
ist aber hinsichtlich der Türme der Liebfrauenkirche und des Doms offensichtlich realitätsnäher.
Beide Türme sind mit Giebeldreiecken dargestellt, aber der Nordturm mit hoher Spitze hat unterhalb davon vier Freigeschosse,
der Südturm ein Kreuzdach und unterhalb nur drei Freigeschosse.
Der Vogelschauplan ist wegen seiner Kolorierung beliebt, aber topografisch besonders ungenau.
In diesem Plan haben beide Türme nur zwei volle Freigeschosse, der Nordturm korrekterweise ein hohes spitzes Dach mit umlaufender Traufe, der Südturm ein deutlich niedrigeres Kreuzdach. Dessen Ecken liegen etwas niedriger, als die Traufe des Nordturms.

Wilhelm Dilich brauchte sich nicht auf Fremddarstellungen zu verlassen, da er selber mehr als einmal in Bremen war.
In seiner illustrierten Chronik Bremens von 1603 hat im weserseitigen Stadtpanorama der Nordturm vier Freigeschosse unter der umlaufenden Traufe seines hohen Pyramidendachs,
der Südturm drei Freigeschosse unterhalb der Giebeldreiecke seines Kreuzdachs.
Auf dem landseitigen Panorama haben beide Türme je ein Freigeschoss weniger.
Dilichs Vogelschauplan lässt sich so verstehen, wie sein Weserpanorama, da er das unterste Fenster des Südturms in Traufenhöhe des Schiffs eingezeichnet hat,
dabei die neue, hallenartige Bauform von der Nordseite auf die Südseite der Kirche verlegend.
Die Häufung der gleichartigen Unterschiede in Mauerhöhen und Geschosszahlen in den Stadtansichten drängt zu einer differenzierteren Bewertung der großformatigen Domansichten in Emporenbrüstung und Rathaushalle.

Rekonstruktionsversuch:

Das Gemälde im Rathaus lässt sich in Richtung größerer Realitätsnähe bearbeiten: Die Löwen lassen genug Platz, sie zu retuschieren und das Erdgeschoss zu vervollständigen. Der Nordturm kann durch Einfügen des dem fehlenden Geschoss ähnlichen vervollständigt werden. und das ganze auf die Proportionen zu bringen, die für bis 1887 erhaltenen Teile dokumentiert sind. Dass Bruyn den Umhang des Kaisers vor die linke untere Ecke der Fassade hängen ließ, ist als Kunstgriff durchschaubar, eine schon damals leere Skulpturenkonsole zu verdecken.


Angleichung der Darstellungsgrößen, Begradigung der Dahlberg-Zeichnung von 1695
und Versuch der Rekonstruktion der Fassade von 1532


(4.4.) Darstellungen nach dem Einsturz des Südturms:

(4.4.1) Turmruine im 17. Jahrhundert:

Ein anonymes und undatiertes Ölgemälde der Ruine des Südturms ist heute im Dommuseum zugänglich. Nach dem Ausmaß der dargestellten Substanzverluste im Vergleich zu der 1661 in der Koster-Chronik gedruckten Darstellung von Johan Nutzhorn dürfte es vor dieser entstanden sein, aber wohl nach dem Brand des Nordturms 1656, sofern die im Vogelschauplan von Matthäus Merian d. Ä. um 1640 angedeutete Einschalung des Südturms real war und bis zum Brand bestand. (*) Die Belegkraft eines Gemäldes ist zweifellos geringer als die einer Fotografie. Trotzdem sei auf kleine Details hingewiesen: Der Schutt vor der Blendarkade unten am ersten Turmobergeschoss verdeutlicht den Rücksprung der Turmobergeschosse im Verhältnis zum Eingangsgeschoss. Die Wandquader an der Südwand nahe der Gebäudeecke zur Eingangspartie sind – über die Helligkeit oberhalb eines mit dargestellten Schattenwurfs hinaus – deutlich heller als die der übrigen Südwand. Auch in der nicht vom Sonnenlicht beschienenen Westwand ist die Wandfläche der Portalzone heller dargestellt als die Westwand der darüber liegenden Turmgeschosse und des Mittelschiffsgiebels. Das könne ein Hinweis auf deutlich geringeres Alter sein, eben den Unterschied zwischen frühem dreizehnten und frühem sechzehnten Jahrhundert. Der Helligkeitsuntefschied ist sogar noch auf manchen Fotos des 19. Jahrhunderts zu erkennen.

Vogelschauplan BREMA,
Matthäus Merian zw. 1638 u. 1642


Ölgemälde des Südturms, anonym, nach
Brand des Nordturms 1656, vor Nutzhorn


J. Nutzhorn, nach Brand d. Nordturms,
eingetragen 1661 in der Kosterchronik


Foto von Louis Oscar Grienwaldt, zw.
1864 (Börse) und 1879 (Straßenbahn)


(4.4.2) Zeichnungen und Fotos aus dem 19. Jahrhundert:

Beachtenswert in Fotos des Doms vor der Erneuerung sind die Unterschiede zwischen den Geschossen:
Vom dritten zum vierten Obergeschoss gibt es einen seitlichen Rücksprung der Südecke der Westwand um etwa einen Meter, aber die Südwand selber zeigt keinen Rücksprung. Von den Obergeschossen unterhalb des Rücksprungs haben die beiden unteren romanische Blendengliederungen, das dritte schon spitzbogige. Die nächsten beiden oberhalb des Rückspungs zeigen gotische Blenden und Fenster. Das oberste Geschoss ist kaum gestaltet und hat hellere Oberflächen. Die Schlichtheit findet sich schon im Gemälde von Bruyn, das dieses Geschoss noch ohne Uhr zeigt.
Die beiden Geschosse oberhalb des seitlichen Rücksprungs dürften aus der chronikalisch überlieferten Turmerhöhung unter Erzbischof Burchard Grelle ab 1345 stammen. Das Geschoss darüber ist mit seinen helleren Wandoberflächen als jünger anzunehmen. Der Mangel an Zierrat legt nahe, es den Provisorien zuzurechnen, mit denen der Domumbau um frühen 16. Jahrhundert abgeschlossen wurde.


Bremer Dom von Osten (aus dem Baumhof) um 1820

Weitere derartige Provisorien sind die Schleppdächer über den Seitenschiffen. In einer um 1820 angefertigten Zeichnung des Doms von Osten ist unterhalb des Schleppdachs des Südquerhauses das erhaltene Traufensims aus romanischer oder frühgotischer Zeit zu sehen. Eine weitere Spur des eiligen Bauabschlusses war ein nicht zu Ende geführter Fries in der Nordfassade. Diese Baudetails bestärken die Vermutung, auch in der schlichten hölzernen Galerie ein Provisorium zu sehen, die im Bruyngemälde die Erdgeschosszone der Westfassade nach oben begrenzt. Sie ist ein weiteres Indiz, dass diese Zone 1532 neu war.

Anbei eine Bemerkung zu den Skulpturen zwischen und neben den Bögen des Eingangsgeschosses:
Bei Bartholomäus Bruyn hängt auch rechts außen eine Figur. Die Figurenposition links außen wird vom Umhang Karls des Großen verdeckt.
Bei Dahlberg gibt es in beiden Außenpositionen keine Figur.
Die rechte kann leicht beim Einsturz des Südturms verloren gegangen sein.
Der Umhang Karls des Großen dürfte kaschiert haben, dass links schon 1532 die äußere Skulptur fehlte (s. o.).

Unterer Teil der Westfassade um 1887
(Bremer Domportale vor der Erneuerung

Das Maßwerk der Oberlichter mit seinen sphärischen Dreiecken trägt spätgotische Züge.

Spätgotisch einzuordnen ist doch wohl auch die Gestaltung der Fenster,
die 1532 in den Blendarkaden zwischen den Westportalen dargestellt sind,
im 19. Jahrhundert dann aber schlichten Türen zu der damals als Lagerraum genutzten Westkrypta gewichen waren. Um 1500 etwas umgestaltet worden ist die Eingangspartie also auf jeden Fall.


Linkes Westportal vor 1888

Gekreuzigter Christus, 14. Jh., bis 1888 im rechten Bogen der Westfassade

Kreuztragender Christus, um 1490, bis 1888 im linken Bogen der Westfassade

Kreuztragenden Christus mit Nagelbrett

Kreuztragenden Christus mit Nagelbrett, Derick Baegert, ca. 1480/90

Die Skulpturen in den Bögen, also der kreuztragende Christus im linken Bogen und der gekreuzigte Christus im rechten Bogen, bilden zwar thematisch eine Bilderfolge, wurden aber nicht als Bilderfolge geschaffen: Das Gesicht des Gekreuzigten ist bartlos oder nahezu bartlos und wirkt fast jugendlich. Der Kreuztragende hat einen kräftigen Bart und eine beginnende Stirnglatze. Reinhard Karrenbrock datierte 1995/96 stilistisch den kreuzigten Christus auf den Beginn des 15. Jahrhunderts (weicher Stil) und den kreuztagenden auf das Ende Jenes Jahrhunderts. Er äußerte sich verwundert über die ihm unerklärliche Pause zwischen beiden bei der skulptorischen Bebilderung der Westfassade.9
Das Brautportal an der Nordseite des Langhauses wurde auf Beschluss von 1817 nach dem Vorbild der Westportale umgestaltet. Das spätgotische Maßwerk in romanischer Arkatur kann hier eine Wiederverwendung aus dem südlichen Westportal sein, das auf frühen Abbildungen der Turmruine noch in der Form von 1532 dargestellt ist, während Fotos vor 1888 von den Gewänden eingerahmt eine Wand mit einer einfachen spitzbogigen Tür zeigen.


Nordseite des Bremer Doms, Tuschezeichnung von Anton Radl 1819

Foto der Nordseite des Bremer Doms vor 1888
(Bremer Dom schon ohne angebaute Gottesbuden)

5.) Die Westkrypta

(5.1.) Lagebziehungen:

Ein Hauptportal aus drei Toren zwischen beiden Westtürmen bedeutete bei der Raumaufteilung des Bremer Doms,
dass die Westkrypta die Eingangshalle zum Kirchenschiff bildete. Das erfordert ihre genaue Betrachtung:

Ihr Fußboden liegt heute 30 bis 40 cm unter dem Straßenniveau am Fuß der Domstufen. Das Straßenniveau steigt üblicherweise im Lauf der Jahrhunderte an. So wurde etwa 60 m westlich der Domportale der Torweg der porta contra forum 1,6m unter dem neuzeitlichen Straßenpflaster gefunden, und das Pflaster des Marktplatzes aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts lag großflächig etwa 1,2 m unter dem heutigen.2 Daher dürfte der Fußboden der Westkrypta zur Zeit ihrer Anlage und zur Zeit der Errichtung der Westtürme über dem Bodenniveau des Vorplatzes gelegen haben.

Wenn der Hauptzugang zum Kirchenschiff durch die (umgenutzte) Krypta führte, erforderte das eine Verbindung zwischen Krypta und Kirchenschiff, die große Menschenmengen bewältigen konnte und die für Prozessionen geeignet war. Die archäologischen Befunde vom östlichen Ende der Krypta vor 1502 stehen einem Aufgang aus zwei breiten sanft ansteigenden Treppen nicht entgegen, siehe die Grabung von Helen Rosenau 1931.



Westkrypta,
Übersicht aus Nordosten



Westkrypta,
Mittelschiff aus Westen



Mittleres Kapitell der nörd-
lichen Arkade aus SSW

(5.2.) Bedeutung:

Orte der Stille waren Krypten auch in vielen anderen mittelalterlichen Kirchen nicht.
Wo in Wallfahrtskirchen bedeutenden Reliquien aufbewahrt und gezeigt wurden, schuf man getrennte Ein- und Ausgänge,
um durch einen Besucherfluss in kurzer Zeit Pilgern in großer Zahl zu ermöglichen, einer Reliquie nahe zu kommen.
Die Funktion als Eingangshalle wäre wohl einmalig, aber weit zum Kirchenschiff offene Krypten gab es auch andernorts

(5.3.) Vorbefund, Details, Auswertung:

Nicht zuletzt interessieren Spuren von Umbauten, die seit der Westverlängerung und bis 1532 an der Westkrypta vorgenommen wurden. Auf jeden Fall finden sich in der Vorderen Krypta Hinweise auf Veränderungen, die nach dem Baubeginn der Westtürme vorgenommen wurden. Zu den Spuren des 1522 provisorisch beendeten Umbaus gehören zwei als Kapitelle genutzte Säulenbasen, wahrscheinlich von der alten Ostwand der Krypta.
In den Säulenteil des nordwestlichen Pfeilers wurde passend die Basis einer wandbündigen Säule eingesetzt.
Die in die mittlere Säule der Nordarkade als Kapitell eingesetzte Säulenbasis hat an drei seiten sorgfältig gearbeitete Ringwulste. An der heutigen Südseite ist sie durch grobe Behauung den übrigen Seiten angeglichen, aber nahe einer Ecke gibt es eine durch glatte senkrechte Flächen begrenzte Aussparung, geeignet zum Einsetzen eines hölzernen Bauteils, beispielsweise eines Rahmens. der vorher in der Wand verborgene Teil relativ grob den Ringwulsten der vorher freiliegenden Seiten angenähert.


Wilhelm v. Bippen: Grundriss der Westkrypta, 1888

Wilhelm v. Bippen: Längsschnitt der Westkrypta, 1888

Wie der 1888 von Wilhelm von Bippen vorgelegte Grundriss zeigt, gab es schon vor Salzmanns Domerneuerung beiderseits ähnliche Einengungen an den westlichen Teilen der Längsseiten. Die Nachtäglichkeit der Einengungen ist and den Gurtbögen und einem in das Mauerwerk der Westwand integrierten Bogen zu erkennen, die an den Außenwänden der Krypta weit oberhalb der Kämpferhöhe verschwinden. Mit den Kreuzgratgewölben ist es ähnlich, mit Ausnahme der Westseite der Westverlängerung. Allerdings verläuft der nordwestliche Grat des nördlichen Westjochs auffällig ungerade, was von einem teilweisen Umbau herrühren kann. Ein teilweise umgebautes Joch gibt es beispielsweise in der Bremer Liebfrauenkirche: Das mittlere Ostjoch der frühgotischen Vierstützenhalle wurde zur Hälfte ersetzt, als die Kirche 1407 ihren heutigen Chor erhielt.

Die südliche Einengung der westlichen Domkrypta ist seit dem vollständigen Ersatz des Südturms in gleichmäßigen geglätteten Sandsteinquadern ausgeführt und nicht mehr zu beurteilen.

Auf der Nordseite wurde die im Bereich des alten Westjoches, heute alo zweiten Joches von Westen die Nordwand bei Salzmanns Domerneuerung im Material erneuert und außerdem die von Bippen dargestellte kleine rechteckige Nische in der Rückwand der großen rundbogigen Nische verschlossen. Ansonsten sind große Teile des Mauerwerk aus mehreren Bauphasen original erhalten, was interessante Rückschlüsse auf die Baugeschichte ermöglicht:
Die alten Begrenzung der romanischen Westkrypta liegt auf der Nordseite in den beiden heute östlichen Jochen zutage, auf der Südseite im heute östlichsten Joch. Das Mauerwerk besteht hier aus relativ kleinen Sandsteinquadern (Breiten 30–40 cm, Höhen 9–15 cm) mit ungeglätteter Oberfläche. An der Grenze zwischen den Jochreihen stehen Wandsäulen,
deren dreiviertelrunder Schaft und der große Wandquader dahinter jeweils Teile desselben Steinblocks sind. Durch die nördliche derartige Wand schlängeld sich kurz vor ihrer Westgrenze eine vertikale Baunaht.

Wandbündige Säulen an der
ehemaligen Westwand


Wandständige Säule(n) in
der nördlichen Nische


Wandbündige Säule an der
östlichen (alten) Nordwand


Wandbündige Säulen an der
östlichen (alten) Südwand

Beim Beginn des Turmbaus wurden die Südwand des Nordturms und die Nordwand des Südturms in ihren östlichen Dritteln auf die Seitenwände des romanischen Westchors gestellt, und im gleichen Zug der Chor um die beiden westlichen Drittel der Turmwände verlängert. Später bemerkte man eine Überlastung der alten Chorwände. Um die Stabilität zu verbessern, verstärkte man die Nordwand der Krypta durch zwei Strebepfeiler, die eine rundbogige Nische einrahmten, welche man mit zwei Säulen schmückte. Sie wäre geeignet für eine Heilgenskulptur oder einen Altar gewesen, aber über die Nutzung gibt es keine Überlieferung.
Die Höhen der Säulenschäfte liegen mit 129,5 cm bzw. 131 cm im unteren Bereich der übrigen Schafthöhen (130–136 cm). Auch die Dicken sind etwa gleich. Die Säulentrommeln sind vollständig, die Säulen stehen also frei. Wenn es umgenutzte Säulen sind, müssen sie auch an ihren früheren Aufstellungsorten frei gestanden haben, im unterschied zu den wandbündigen Säulen an den alten Längswänden und der alten Westwand der Krypta. Wenn sie vorher zu beiden Seiten des Apsisbogens (siehe Rosenau) gestanden haben, kann diese prominente Position Grund für einen höheren Aufwand gegeben haben. Es mag allerdings, aus seit der entsprechenden Wandverbreiterung nicht mehr erkennbarem Zusammenhang, auch an Nordwestecke und Südwestecke der alten Westjoche wandständige statt wandbündiger Säulen gegeben haben. Nach dem Bereich um die Nische verstärkte man in zwei Phasen die Grundmauern weiter westlich durch Vorsetzen einer Mauer im Nordschiff der Krypta (im Südschiff wahrscheinlich analog). Das Mauerwerk der ersten Phase ist relativ regelmäßig und geglättet. Es wird im Westen durch eine senkrechte gerade Baufuge begrenzt.
Das Mauerwerk der zweiten Phase ist im unteren Teil sehr unregelmäßig. Darüber steht eine Reihe regelmäßiger Steinquader, aber mit Ausbrüchen, und darüber liegt ein Gesims. – Oberhalb davon wurde das Mauerwerk wohl von Salzmann ersetzt. Das ganze wirkt wie eine Kombination von schlecht vorbereiteten und von wiederverwerteten Steinen, wieder passend zum provisorische beendeten Umbau des frühen 16. Jahrhunderts. Dieses Mauerwerk reicht bis in die Westwand. Indem es das Fenster, das zeitweilig eine Tür war, nach Norden begrenzt, ist es ein Indiz, dass dieses Fenster eine breitere und bis zum Fußboden reichende Wandöffnung als Vorgänger hatte. Damit ist der Deweis nahezu erbracht, dass sich hier bis 1502 eine Tür befunden hatte, dass also die von Bruyn gemalten Portale in den Türmen und die beiden breiten Bögen vor der Krypta erst beim Umbau des frühen 16. Jahrhunderts geschaffen wurden.
Wenn die Säulen in der nördlichen Nische bei der östlichen Verkürzung der Krypta angefallen waren, lagen die Phasen ihrer Verschmälerung zeitlich nahe bei einander, aber die Bedingungen änderten sich schnell: Zuerst wollte man die Kathedrale verschönern, dann die Sicherung weiter verbessern, zuletzt irgendwie fertig werden.

In der Portalgruppe vor der Krypta können allerdings die Einzelportale nicht so breite Gewände gehabt haben, wie die späteren Turmportale.

Heutige Ostjoche mit alter Nordwand


Eingeengtes westliches Nordschiff


Einengung des alten Westjochs
nach 1888 teilweise im Material ersetzt;
Detailfotos: → Ecke und → Nische

Nördliche Einengung im Bereich der Westverlängerung der Krypta:
(Durch Anklicken lassen sich die Fotos, wie auch alle übrigen, einzeln aufrufen und dann in voller Auflösung betrachten, hier 3000 x 4000 bzw. 4000 x 3000 Pixel.)

Nördliches Westfenster, darüber Teil
eines breiteren Bogens,
rechts westlichste Nordwand;
dazu: → Wand in Nahaufnahme


Zwischen westl. und mittl. Leuchter:
links oben (wiederverwertetes?) Gesims,
unten unregelmäßig,
rechts einigermaßen regelmäßig



Regelmäßiges Mauerwerk mit mittl.
und östl. Leuchter; aber links oben
über dem Gesims und rechts
über der Nische ab 1888 erneuert



Übersicht mit anscheinend nacheinander vorgezogenen Abschnitten


(6.) Archäologische Grabung von Helen Rosenau:

Als Helen Rosenau 1931 nachwies, dass die Bremer Westkrypta zunächst vier Joche lang war und ihr östlichstes Joch durch späteren Umbau verloren hat,10 fand sie in der Ostwand des Mittelschiffs der Krypta eine zur Krypta hin halbrunde Apsis, deren Mauerwerk nach außen hin eher einen rechtwinkligen Grundriss hatte. Sehr nahe der Nordostecke fand sie die nördliche Laibung eines Portals mit Ansätzen zweier Stufen einer ins Kirchenschiff hinauf führenden Treppe.
Die Lücken zwischen der Apsis und dem nachgewiesenen Mauerwerk an Nordost- und Südostecke (bzw. den darüber stehenden Pfeilern der Langhausarkaden)
lassen Platz für wesentlich breitere Treppen, als Frau Rosenau angenommen hat.
Die in den 1970er Jahren in dem anschließenden Langhausjoch gefundenen Gräber wurden erst in der frühen Neuzeit angelegt. Damit bilden die archäologischen Befunde keinen Hinderungegrund für die Annahme zweier etwa zwei Meter breiter sanft ansteigender Treppen, wie sie einer Verbindung vom Haupteingang ins Kirchenschiff angemessen waren.



(7.) Erdgeschosse der Bremer Domtürme:

Der 1638 eingestürzte Südturm sollte bei der Domerneuerung 1888 von Anfang an aus Sicherheitsgründen bis zum Erdreich unter den Fundamenten abgetragen und anschließend völlig neu errichtet werden. Während der Abbrucharbeiten notierte Salzmann als einziges Detail eine steinerne Rinne – ohne deren Lage anzugeben

Den Nordturm hat Max Salzmann schließlich „bis auf das Untergeschoss“ abgetragen, wie er auf 1896 auf der XII. Wanderversammlung des Verbandes Deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine referierte.11 Das von ihm neu angelegte Vierpassfenster in der Nordwand des Turmerdgeschosses zeigt dass „bis auf …“ hier „bis einschließlich …“ bedeutet.
Die Diskrepanz zwischen Salzmanns eigenen Äußerungen und der Darstellung durch Hans-Christoph Hoffmann (… 19. Jh., S. 85)12, „Nordturm, der bis auf die Höhe des dritten Obergeschosses abgetragen wurde“, mag die Ablehnung des Bremer Domarchivs erklären, Salzmanns Bautagebuch direkt oder als Scan zur wissenschaftlichen Auswertung zur Verfügung zu stellen.
Heutige Scanner haben ja digitale Farbkopien höchster Wiedergabetreue leicht, kostengünstig und zum Standard gemacht.

Ernst Ehrhardt erwähnt seinem Beirag Die alten Kirchen in Bremen und seine Bauten (1900)13 auf S. 81,
Salzmann habe ind den Mauern des Nordturms Architekturreste entdeckt, die von einem anderen Gebäude stammten. Das lässt interessante Informationen in Salzmanns Notizen zu diesem Turm erhoffen, ebenso wie die von Hoffmann erwähnten Herkunftsbestimmungen des Verblendmauerwerks. Da aber die Fragestellung nach zeitlich unterschiedlichen Positionen der Westportale wohl außerhalb von Salzmanns Vorstellungen lag, kann er spärliche Spuren in dieser Richtung übersehen haben.



Nördl. Turmbasis vor 1888

(8.1.) Datierung des Stadtsiegels

Die Präsentation des Bremer Staatsarchivs weist darauf hin, dass das Bremer Stadtsiegel zuerst in einer Urkunde von 1229 erwähnt wurde. Zu der Frage, wann das Typar geschnitten wurde, lohnt ein Blick auf den Wortlaut dieser Urkunde und auf die – wesentlich bekanntere – im Bremischen Urkundenbuch14 davor abgedruckte Urkunde.

Zunächst die Urkunde mit der Erwähnung des Siegels:
Sie ist ein Schlichtungsvertrag hinsichtlich der Jakobikirche zwischen dem Ansgarikapitel und zwei Brüdern, in denen der Zusammensteller des Urkundenbuches die Söhne des Stifters der Kirche vermutet, aufgesetzt vom Dekan des Kapitels und einem Bürger namens Otto Rufus. Die Urkunde weist zwei Einschnitte zum Anhängen der Siegel auf, die aber beide abhanden gekommen sind. Der letzte Satz lautet:
„Otto Rufus etiam noster collega, ut presens ordinatio tanto forciorem optinere posset firmitatem, promisit, se velle presens scriptum appositione sigilli civitatis roborare. Acta sunt hec anno gratie M.CC.XXIX.“ („Otto Rufus, der dazu befugt ist, verspricht, das Schreiben durch Anfügen des Siegels der Stadt bekräftigen zu wollen. … “). Das Typar war also vorhanden, aber die Urkunde musste zur Besiegelung noch zu seinem Aufbewahrungsort gebracht werden.

Die Urkunde davor regelt die Aufteilung der Liebfrauenpfarrei. Der letzte Satz lautet: „Nostrum autem desiderium seu ordinationem pio favore prosequentibus optamus gaudia quietis eterne pertingere ad pacem et concordiam civium supernorum. Actum Breme anno gratie M.CC.XXIX, anno Domini Gregorii pape (anno) II., pontificatus nostri anno X.“
Wegen Bezug auf das zweite Regierungsjahr Papst Gregors IX. wird sie auf vor dem 20. März 1229 datiert. Als Zeugen werden genannt: ein Heremannus decanus, zwischen verschiedenen kirchlichen Amtsträgern auch ein Johannes de Beversato ohne Amt und am Schluss „cannonici Bremenses, et quam plure alii clerici et laici civitatis Bremensis.“ An einem Pergamentstreifen hängt das Siegel des Erzbischofs. Trotz der Beteiligung von Bürgern ist kein Siegel der Stadt angehängt, trotz der Beteiligung des Dekans des Ansgarikapitels nicht dessen Siegel. Das mag damit zu erklären sein, dass ein Nebeneinander mit anderen Siegeln unter der Würde des Erzbischofs gelegen hätte. Es kann aber auch sein, dass es das Siegel des Ansgarikapitels und das Stadtsiegel noch nicht gab.



(8.2.) Romanik in und nach der Zeit der Gotik:

Zur Verwendung romanischer Formen nach Mitte des 13. Jahrhunderts lassen sich in zwei Ansätze unterscheiden. Zunächst ist es das Festhalten an romanischen Formen, analog zum Festhalten an gotischen Formen in der Nachgotik könnte das als Nach-Romanik bezeichnet werden. Ein Beispiel ist der Turm der Martinskirche in Baar im Schweizer Kanton Zug, nach Mitte des 14. Jahrhunderts, aber mit romanischen Koppelfenstern. Der andere Ansatz ist das Wiederaufgreifen romanischer Formen in einem Umfeld, wo sie schon längere Zeit nicht mehr gebaut wurden. Dazu gehört der 1596 errichtete Turm der Kirche von Hohennauen Im Havelland. Bis zu seiner genauen Erforschung 2016 hatte man die unteren Teile für original romanisch gehalten, trotz einzelner typisch spätmittelalterlicher Elemente. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde 1608–1612 das spätgotische Mittelschiff der Stadtkirche in Münnerstadt nach Durchsetzung der Gegenreformation durch eines in frühromanischen Formen ersetzt, wohl beeinflusst vom original frühromanischen Würzburger Dom. In Frankreich gibt es einige Kirchen, die der Renaissance zugerechnet werden, manchmal aber nur wenige Zitate der Antike aufweisen, sondern im Wesentlichen formen der Spätgotik fortsetzen, jedoch mit Rundbögen anstelle gotischer Spitzbögen, am bekanntesten wohl St-Eustache in Paris. An manchen dieser Bauten finden sich aber rundbogige Gruppenfenster, wie sie schon in der Romanik gebaut wurden. Vermehrt im 17. und 18. Jahrhundert wurden Türme oder auch Obergaden mit „romanischen" Biforien mit Mittelsäule ausgestattet. Auch die Innenräume sind gelegentlich großenteils mit Elmenten aus der Romanik gestaltet, allerdings elegant in leichten Proportionen der Renaissance dimensioniert, statt in schweren Proportionen der Romanik.

Nordturm der Kathedrale von Tours
(Südturm genauso aufgebaut):
quadratische Geschosse Renaissance,
mit Y-Maßwerk aus der Gotik.
Die Gruppenfenster der großen
Laterne verweisen auf späte Romanik,
die Biforien der kleinen Laterne
auf die Romanik insgesamt.

Baar, Kanton Zug,
St. Martin,
Turm Mitte 14. Jh.

Hohennauen, Havelland,
Kirchturm 1596

Münnerstadt, Unterfranken,
St. Maria Magdalena,
„frühromanisches“
Schiff 1608–1612

Granges-sur-Vologne im (vollständig französisch-
sprachigen) Dép. Vosges: St-Georges, 15. Jh.,
Formen aus der Romanik,
aber für echte Romanik zu leicht

Granges-sur-Vologne,
Turm von 1662 mit
„romanischen“ Biforien
(8.3.) Krypta als Eingangsraum?

Krypten waren im Mittelalter nicht unbedingt besonders ruhig, aber üblicherweise heiliger als der Kirchenraum darüber. Daher ist die Option einer Krypta als Eingangsraum ist zweifellos verstörend. Nicht wenige Kirchen hatten vor wenigstens einem Eingang eine Galiläa als Pufferzone, die auch von Personen betreten werden durften, die nicht in den eigentlichen Kirchenraum gelassen wurden. Auch wenn eine Galiläa mit einem Altar ausgestattet war, wie die Galilee Chapel der Kathedrale von Durham, war ihre Wertigkeit derjenigen einer Krypta geradezu entgegengesetzt. Die Raumhöhe einer Galiläa konnte relativ niedrig sein. Krypten mit bedeutenden Reliquien waren mancherorts mittels getrennter Ein- und Ausgänge auf große Besucherströme ausgelegt. Die Bremer Westkrypta wurde 1066 dem Apostel Andreas geweiht, also lange vor der Errichtung der Westtürme ab etwa 1200. Sie beherbergte nie eine Reliquie. Von den drei dort vorgefundenen Gräbern lag eines in der Westverlängerung, war also nicht vor dem Bau der Portalgruppe angelegt worden. Die beiden anderen wurden von Karl-Heinz Brandt (ebenfalls) als spätmittelalterliche Klerikergräber gewertet, Bischofsgräber waren sie nicht. Für den Gründungsbischof Willehad gab es eine Grabkapelle südlich des Doms, die ab dem 14. Jahrhundert als Pfarrkirche für die Laienbevölkerung des Dombezirks diente. Die frühen Bischöfe und Erzbischöfe wurden im östlichen Teil des Mittelschiffs bestattet, Erzbischof Adalbert isoliert in der Ostkrypta, an einer durch vier umstehende Pfeiler hervorgehobenen Stelle. Insofern war die Andreaskrypta nicht heiliger als irgendeine andere Kapelle. Trotz ihrer ursprünglichen Anlage als Krypta bedeutete ihre Umnutzung als Eingangsraum hier keine Aufgabe etablierter hochrangiger Funktionen. Die kleine Apsis in der Ostwand konnte weiterhin in würdiger Weise den Andreasaltar präsentieren.

Eine geräumige Verbindung zwischen Krypta und Schiff findet sich in der Kathedrale von Modena. Dort is es allerdings eine Ostkrypta, deren Altar am dem Schiff abgewandten Ende liegt.

Die heutigen Kryptentreppen des Brandenburger Doms sind nach archäologischem Befund rekonstruiert. Die schöpfen allerdings nicht die ganze Breite der Kryptenseitenschiffe aus und enden an ihren oberen Enden in Bögen geringer Höhe.




Kathedrale von Modena, mit Blick in die Krypta


Brandenburger Dom: eine
der beiden Treppen aus dem
Hauptschiff in die Krypta

Brandenburger Dom:
Treppe aus der Krypta
zum Hauptschiff


(8.4) Erste Erwähnungen der Krypten:

Die Frage, welche der beiden Krypten des Bremer Doms die ältere ist, berührt nicht die langjährigen Nutzungen und ist daher für die Situation der Portale in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ohne Bedeutung. Aber angesichts mehrerer Stellungnahmen zu dieser Frage, sowohl in Artikeln die in dieser Arbeit erwähnt werden, als auch in anderen Publikationen, ist es wohl nicht falsch, darauf ein zu gehen.
Autoren, die aus den spärlichen zeitgenössischen Quellen geschlossen haben, die Westkrypta sei vor der Ostkrypta errichtet worden, jene erst unter Erzbischof Liemar, haben übersehen, dass die beiden entscheidenen Notizen nicht dazu dienten, den Ablauf der Baugeschichte darzustellen. Auch die Historikerin des Bremer St. Petri Doms, Dr. Henrike Weyh, sieht die Ostkrypta als wahrscheinlich die ältere an.

Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum.
(Die Taten der Bischöfe der hamburgischen Kirche)15
Capitulum IIII.
«Anno tandem septimo incepti operis moles a fronte levata est, ac principale sanctuarii altare dedicatum in honore sanctae Mariae. Nam secundum in occidentali absida consecrandum altare disposuit in amore sancti Petri, cuius sub invocatione legitur antiqua basilica extructa. Emergentibus itaque multis archiepiscopo angustiis, mansit opus inperfectum ad annum pontificii XXIIII (1066), cum et ego indignissimus ecclesiae Dei matricularius Bremam veni; et tunc demum templi parietes dealbantur, occidentalisque cripta sancto Andreae dedicata est.» „Im siebten Jahr (1050) wurde endlich die Riesenlast des Baubeginns von der Stirn genommen und der Hauptaltar des Heiligtums der Ehre der heiligen Maria geweiht. Darauf folgend stellte er in der Westapsis den in Liebe zum heiligen Petrus zu weihenden Altar auf.
Da dem Erzbischof viele Hindernisse auftauchten, blieb das Werk bis zum 23. Jahr des Pontifikats (1066) unvollendet.
Als ich als unwürdiger Aufzeichner der Kirche 1030 nach Bremen kam, war man dabei, die Wände des Tempels zu streichen, die Westkrypta wurde dem heiligen Andreas geweiht.“ Damit ist die Ostkrypta indirekt mit erwähnt. Und wenn der (im Ostchor stehende) Hauptaltar vor dem in der Westapsis stehenden Petersaltar geweiht wurde, legt das die Vermutung nahe, die Krypten unterhalb dieser Altäre seien in gleicher Reihenfolge errichtet worden.

in Capitulum LXIII vermerkte Adam, Adalbert sei schon einige Zeit vor seinem Tode schwer krank gewesen.
Die von Adam in Capitulum LXVIII beschriebene Bestattung des Metropoliten (1072) im von ihm erbauten neuen Chor der Basilika, «sepultum est in medio chori novae, quam ipse construxit, basilicae.» hat lange Zeit zu Erwägungen geführt, die Ostkrypta sei erst danach errichtet oder erweitert oder fertiggestellt worden. Da der Vorgänger Bezelin bald nach der Festlegung des Plans gestorben war, war bei Adalberts Tod fast alles an der Kirche neu und von ihm errichtet. Da Adalberts Grab das einzige in der Ostkrypta und das einzige früh- oder hochmittelalterliche Grab in einer Bremer Krypta ist, erscheint diese Krypta eher als ein von ihm für sich selber vorbereitetes Mausoleum, denn als ein Werk seines Nachfolgers Liemar.
Bezogen auf den oberen Kirchenraum lag das Grab mitten unter der Vierung.

Da die beiden Krypten weit auseinander liegen, lässt sich eine Reihenfolge ihrer Errichtung wohl nicht aus Baubefunden belegen.

Die Erwähnung einer alten Krypta in einer Urkunde Liemars gibt keine Auskunft, welche von beiden die ältere war. Das Erwähnungsdatum ergibt sich aus zwei großenteils wortgleichen Urkunden mit gleichen Siegeln im Hoyer Urkundenbuch16, deren eine das Jahr einer Besitzübertragung nennt, die andere als Ort der Amtshandlung den Altar in der alten Krypta:
Hoyer Urkundenbuch 8: Sonstige Quellen, S. 24/25, Urk. 14:
Liemar notiert Schenkungen eines Gerhardus, die dieser der Kirche als Sühne für seine untolerierbare Missetaten vermacht. «Liemarvs dei gratia bremensium archiepiscopus … . Notum esse uolumus caritati uestr(a)e qualiter Gerhardvs filius Gerberti de stumpenhusan post mortem patris seruore iuuentutis multas rapinas … Essetque intolerabilis omnibus

Actum est anno ab incarnatione domini Millesimo nonagesimo primo. Anno ipsu Liemari archiepiscopi et ordinationis decimo septimo.»

Hoyer Urkundenbuch 8: Sonstige Quellen, S. 26/27, Urk. 15:
«Liemarvs dei gratia bremensium archiepiscopus … . Notum esse uolumus caritati uestr(a)e qualiter Gerhardvs filius Gerberti de stumpenhusan post mortem patris seruore iuuentutis multas rapinas …»
wiederholt wesentliche Aussagen der explizit auf 1091 datierten Urkunde 14, erwähnt zusätzlich den Ort des Verwaltungsaktes, aber ohne Jahreszahl:
Tradidit autem illud idem predium in Bremenesi cripta ueteri supra altare.
„Übertrug dieses (Landgut) in der alten bremischen Krypta über dem Altar.“

(8.5) Ruinendarstellungen in der Kunst

Das anonyme und undatierte Ölgemälde der Turmruine zeigt auf der Ostwand des Turms deutlichen Vegetationsbewuchs, nicht aber auf dem Schutt im Turm und nicht auf der Westwand. Das passt zu der bei Merian angedeuteten vorherigen Verkleidung der Ruine

Als gemalte Darstellung eines Gebäudeteils ist das Sujet vergleichsweise selten.
In bekannten Ruinenbildern des 17. Jahrhunderts war die Stimmung anscheinend nicht weniger wichtig als die Gebäude. Beispiele sind Bilder aus Rom von Johann Lingelbach (1622–1674), eine Tuschezeichnung zwischen 1640 und 1650 von Leonardo Scalglia und eine Zeichnung aus den 1650er Jahren von Pieter de Molijn.
Erst recht stimmungsbotonz sind die romantisch Ruinengemälde des 18. und vor allem 19. Jahrhunderts.

Demgegenüber zeigt das Gemälde der Ruine des Nordturms außer etwas blauem Himmel mit Wolken so gut wie keine Stimmung. Der Schattenwurf stammt von einem nicht mit abgebildeten Haus.

Pieter de Molijn: Ruïne met hoge Vierkante Toren


A. Salucci & J. Lingelbach: Konstantinsbogen


Johannes Lingelbach: Campo Vaccino te Rome


Leonardo Scalglia




Fußnoten:

1 – Karl Heinz Brandt (Hg.):
Ausgrabungen im St.-Petri-Dom zu Bremen
Vorläufiger Bericht, Bd. 2
Die Gräber des Mittelalters und der frühen Neuzeit

Stuttgart (1988), E. Schweizerbart'sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), ISBN 3-510-65121-9

2 – Dieter Bischop:
Am Rande der Domburg. Vorbericht über die Grabung 2002 auf dem historischen Marktplatz von Bremen.

in: Eilbracht, Heidemarie / Brieske, Vera / Grodde, Barbara (eds.): Itinera Archaeologica. Vom Neolithikum bis in die frühe Neuzeit. Festschrift für Torsten Capelle zum 65. Geburtstag,
Internationale Archäologie – Studia honoraria 22 (2005), 9-23, Rahden

3 – Dehio Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler: Bremen · Niedersachsen, S. 723 Ev. Kirche St. Michael, dazu Grundriss auf S. 725

4 – Holger Kempkens: Bernhard II. zur Lippe und die Architektur der Abteikirche Marienfeld.
In: Lippe und Livland, Mittelalterliche Herrschaftsbildung im Zeichen der Rose,
Jutta Prieur (Hg.): Ergebnisse der Tagung „Lippe und Livland“ Detmold und Lemgo (2006),
(= Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe e.V., Bd. 82). Bielefeld (2008), S. 103-124.

5 – Die Kunstdenkmäler der Stadt Köln.
Im Auftrage des Provinzialverbandes der Rheinprovinz und mit Unterstützung der Stadt Köln
in Verbindung mit W. Ewald (et al.) Hrsg. von Paul Clemen, Abteilung 4, S. 129


6 – Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler: Nordwestdeutschland (1912), S. 93/94

7 – Jürgen Bajerski in: Kleiner Führer durch die St. Marienkirche Gardelegen,
Verein f. Kultur- und Denkmalpflege Gardelegen u. Umgebung e. V. (2001)

8 –
Wilhelm von Bippen:
Neue Untersuchungen zur Baugeschichte des Doms
in: Bremisches Jahrbuch, 14. Band (1888), S. 177–208 (dazu als Anhang Tafeln I–VII),
verfügbar im Lesesaal des Staatsarchivs Bremen und
digital bei der Bayerischen Staatsbibliothek München

9 – Reinhard Karrenbrock:
Westfalen – Bremen – Niederlande: westfälische Bildhauer des späten Mittelalters in Bremen
,
in: Jahrbuch 1995/96 Wittheit zu Bremen: Bremen und die Niederlande, S. 40–42–61
(nicht Bremisches Jahrbuch!)
verfügbar im Lesesaal des Staatsarchivs Bremen

10 – Helen Rosenau:
Zur mittelalterlichen Baugeschichte des Bremer Doms

in: Bremisches Jahrbuch, 33. Band (1931), S. 1–36 (dazu eingestreut Tafeln 1–13),
verfügbar im Lesesaal des Staatsarchivs Bremen und digital bei der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen

11 – Max Salzmann: Die Wiederherstellung des St. Petri-Doms in Bremen,
Vortrag auf der XXX. Wanderversammlung des Verbands Deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine,
abgedruckt in: Deutsche Bauzeitung, XXX. Jahrgang (Berlin, den 2. September 1896), S. 466–468, 467 rechts oben

12 – Hans Christoph-Hoffmann: Die Erhaltung des St. Petri Doms zu Bremen im 19. Jahrhundert,
Wittheit zu Bremen (Hg.), Verlag H. M. Hauschild (Bremen 2007)

13 – Ernst Ehrhardt: Die Alten Kirchen in Bremen und seine Bauten.
Bearbeitet und herausgegeben vom Architekten- und Ingenieur-Verein (1900),
S. 75 ff. Der Dom

14 – Bremisches Urkundenbuch [Urkunden bis 1300] 1. Band [1863], Lieferung 2-3, s. 171 – 175 (Digitalisate im Artikeltext verlinkt)

15 – Adam von Bremen:
Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum
in moderner Umschrift mit lateinischem Vorwort von Georg Waitz (1813–1886) (webarchive.org)

16 – Hoyer Urkundenbuch: Achte Abtheilung, ''Sonstige Quellen'', S. 24–27 (Digitalisate im Artikeltext verlinkt)


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