. Kloster Lehnin – Prädikantennische gotisch umgebaut

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Kloster Lehnin – Prädikantennische gotisch umgebaut

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Bauwerk:

Das (ehemalige) Zisterzienserkloster Lehnin liegt südöstlich der Stadt Brandenburg. Seine Klosterkirche weist eine räumliche Entwicklung der Baustile auf. Chor und Apsis, Vierung, Querhaus und Nebenkapellen, dazu das östliche Langhausjoch, sind im Prinzip romanisch. Allerdings sind alle vier Bögen der Vierung schon leicht gepitzt. Das an einem Holz aus dem Dach des Südquerhauses betimmte Dendrodatum von 1213 wird als Bauabschluss der Ostteile angenommen.
Die Arkaden sind in ganzer Länge rundbogig, ebenso alle Gurtbögen und Rippen der Seitenschiffsgewölbe sowie die Fenster in den unteren Längswänden.
Der Stilwechsel nach dem östlichsten Mittelschiffsjoch zu den übrigen vier Langhausjochen betrifft im Wesentlichen die Obergaden und die äußere Gestaltung der Hochschiffswände; die in allen Jochen paarigen Obergadenfenster haben im Joch vor der Vierung Rundbögen mit einfachen Laibungen, in den übrigen vier Langhausjochen Spitzbbögen und Stufengewände. Außen sind an diesen Jochen neben die Obergadenfenster Spitzbogenblenden von annähernd gleicher Höhe gesetzt.

Widerspruch:

Das Bild des Stilfortschritts von östlichen zu westlichen Teilen wird durchbrochen von einer großen spitzbogigen Prädikantennische in der Südwand des Chorquadrums, also im wohl ältesten Teil dieser Kirche. Einige Details lassen auf eine gotische Umgestaltung einer zunächst romanischen Sediliengruppe schließen. Die Begrenzung der Nische ist gestuft. Da die Innenstufe etwa die Hälfte der Gesamttiefe ausmacht, ist sie mehr eine Blende denn eine echte Nische.

Gewölbe von Chorquadrum und Apsis

Östliche Rundbogenfenster,
westliche Spitzbogenfenster

Prädikantennische
 

Bedingungen:

Die Südwand des Chors wurde im 19. Jahrhundert stark umgestaltet, durch die Öffnungen zum Obergeschoss der Südostkapelle. Die Nische und ihre Umgebung wurden dabei völlig neu verfugt. Mauerziegel wurden vor allem in der Rückwand der Nische ersetzt.

Befunde:

Unterer, senkrechter Bereich des Nischenrahmens:
Neben dem senkrechten Rundstab an der linken Seite der Nische gibt es eine senkrechte Baufuge zwischen dem Wandstreifen hinter dem Rundstab (Der Wandstreifen besteht üblicherweise etwa zur Hälfte aus denselben Formsteinen wie der Rundstab.) und seiner Fortsetzung als Innenstufe des Nischengewändes. Auf der rechten Seite ist eine gleichartige Baufuge zwar anzunehmen, aber verborgen, da hier der Falz zwischen Rundstab und Rückwand irgendwann mit einer senkrechten Reihe von Steinen mit keilförmigem Grundriss vermauert wurde, die nach vorne ohne Fugenmaterial an den Rundstab stoßen.

Linke Seite der Prädikantennische

Rechte Seite der Prädikantennische
(Foto: Marcus Cante)

Westportal der Kathedrale von Amiens
 

Oberer, spitzbogiger Bereich des Nischenrahmens:
Die äußere Stufe des Spitzbogens wird aus Bindern gebildet. Die Dicke dieser Bogenlage schwankt in ungewöhnlicher Weise. Auch die Stirnseiten der Binder variieren stark. Das Weckt den Verdacht einer nachträglichen Einfügung. Dazu passen die Steinlagen der umgebenden Wand, die aussehen, als sei der Bogen nachträglich herausgestemmt worden. Einige an die Bogenlage grenzende waagerecht liegende Mauerziegel weisen in ihren Oberflächen eine schräg verlaufende Kante geringer tiefe auf. Diese Kanten können Spuren eines nicht fortgeführten Ansatzes sein, einen steileren und damit spitzeren Bogen aus der Wand herauszustemmen. Sie können aber auch zufällig entstanden sein. Die Innenstufe des Spitzbogens besteht aus einer äußeren Bogenlage aus Bindern und einer inneren Bogenlage aus radial stehenden Läufern. Die äußere Bogenlage setzt die Wandstreifen hinter den senkrechten Rundstäben fort. Ab der Kämpferhöhe des Spitzbogens verläuft die Grenze der umgebenden waagerechten Steinlagen zu beiden Seiten noch ein kurzes Stück weit senkrecht nach oben. Das kann den steilen Anfängen vorheriger Rundbögen passen, in Zweier- oder Dreiergruppe, wie sie als Sedilien nicht unüblich waren.

Rundstabschlange:
Vor der Innenstufe liegt ein geschlängelter Rundstab, dessen rechteckigen Basen leicht versetzt neben den Blockkapitellen der senkrechten Rundstäbe stehen. Er besteht aus konvexen Bögen, deren Scheitel die Innenkante der Außenstufe berühren und der Nischenöffnung zugewandten 90°-Knicken mit runden Außenkonturen.
Diese Rundstabschlange erinnert an die Kreuzblumengirlanden an den Außenstufen der vielfach gestuften Westportale der Kathedrale von Amiens, ohne dass hier versucht werden soll, denen eine direkte Vorbildwirkung nachzuweisen. Die westlichen Teile der Kathedrale von Amiens wurde zwischen 1220 und 1236 errichtet. Die Modellierung aus feuchtem aber nicht nassem Ton hat die Rundstabschlange mit den Würfelkapitellen der Blendgalerie unten in der Westfassade der Klosterkirche Lehnin gemein. Indem sie nur schmalbasig mit Mauerflächen verbunden ist, erforderte ihre Anbringung wahrscheinlich Techniken aus dem Maßwerkbau.

Fazit:
Eine Datierung der weit entwickelter Gotik angehörenden Formen der Prädikantennische auf das erste Siebtel des 13. Jahrhunderts steht nicht nur im Widerspruch zur regionalen Stilenwicklung, sondern vielleicht sogar der europaweiten technischen Entwicklung. Die Hinweise auf eine spätere Umgestaltung der Nische vermögen diese Widersprüche zu lösen.


Quellen und Zusammenhänge:

Dehio-Handbuch Brandenburg, Deutscher Kunstverlag (2012), S. 602 ff.

BLDAM: Dehio Brandenburg, 2012, S. 602 ff.

Burgundische Romanik – Pontigny – Zisterziensergotik → Lehnin



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